Marie Goegg-Pouchoulin schenkte der Frauenbewegung die Perspektive, sich international zu organisieren – eine Strategie, die die Gleichberechtigung der Geschlechter voranbrachte. Wir würdigen den 200. Geburtstag dieser Vordenkerin am Sonntag, dem 24 Mai, mit einer Flugblatt-Aktion: Zuerst in der Altstadt, an der Obergasse 22, wo Marie Goegg-Pouchoulin wohnte, nämlich um 10 Uhr. Dann auf dem Bahnhofplatz, und zwar ab 11 Uhr 30. Was machte das Engagement von Marie Goegg-Pouchoulin so besonders? Der folgende Text erklärt es.
Die Sternstunde der internationalen Frauenbewegung ging von der Stadt Biel aus
Vor genau 200 Jahren erblickte sie das Licht der Welt. Und im Verlauf ihres Lebens verwirklichte sie eine Idee, die die Frauenbewegung beflügeln sollte: Am 24. Februar 1868 rief sie hier in Biel, wo sie von Ende 1866 bis 1868 an der Obergasse 22 lebte, zur Gründung einer «Internationalen Frauenassociation» auf:
«In jeder Stadt, sei sie gross oder klein, soll sich ein Frauencomité bilden!»
Marie Goegg-Pouchoulin betonte, dass die Frauenkomitees Frauen aus allen Klassen der Gesellschaft umfassen sollten, auf materielle Voraussetzungen für einen Beitritt solle verzichtet werden. Und bald darauf schritt sie zur Tat: Am 26. Juli 1868 initiierte sie die Gründung der «Internationalen Frauenassoziation» (IFA). Diese Organisation konnte sich zwar nicht so breit verankern, wie sie gehofft hatte, aber im Jahr 1869 umfasste sie doch 16 Frauenkomitees in sieben Ländern, nämlich in Frankreich, Italien, Deutschland, England, Portugal, den USA und der Schweiz. Und die Ziele der IFA waren umfassend: Sie kämpfte für gleiche bürgerliche, wirtschaftliche und politische Rechte für beide Geschlechter, also für eine umfassende Gleichstellung.
Ein Fortschritt, viele Rückschläge für die erste internationale Frauenorganisation
Noch im Gründungsjahr feierte die IFA einen konkreten Erfolg: Die Friedens- und Freiheitsliga, ein Sammelbecken pazifistischer, sozialistischer und sozialreformerischer Kräfte, ging auf ihre Anregung ein und gewährte den Frauen innerhalb ihrer Organisation die volle Gleichberechtigung. Marie Goegg wurde ins Zentralkomitee der Liga gewählt.
Doch in der Regel wurde die IFA mit der Vormacht patriarchaler Einstellungen konfrontiert. Zum Beispiel blieb die Forderung der Schweizer Frauenkomitees nach zivilrechtlicher Gleichstellung von Mann und Frau im Rahmen der Revision der Bundesverfassung chancenlos. Und nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 setzten sich innerhalb der IFA Kräfte durch, die dem Internationalismus von Marie Goegg-Pouchoulin eine Absage erteilten. Die Organisation überlebte den Kurswechsel nicht und ging 1873 ein.
Ein jahrzehntelanges Engagement
Auch nach dem Ende der IFA engagierte sich Marie Goegg-Pouchoulin für die Gleichberechtigung der Frau und für den Frieden in der Welt. 1874 erreichte sie die Abschaffung der Vormundschaftsgerichte für die Frauen im Kanton Waadt. Während vielen Jahren arbeitete sie zusammen mit dem späteren Friedensnobelpreisträger Elie Ducommun im Internationalen Friedensbüro. Am 24.3.1899 verstarb sie nach langer Krankheit in Genf.
Die internationale Frauenbewegung, die Arbeiterbewegung und die Vereinten Nationen
Eine wichtige Kraft für die Gleichstellung von Mann und Frau wurde die 1889 in Paris gegründete Sozialistische Internationale (SI). Ab dem Jahr 1911 organisierten die Frauen der SI alljährlich einen Kampftag für das Frauenwahlrecht, das nach dem Ende der Ersten Weltkriegs in vielen Staaten erkämpfte werden konnte. Im Jahr 1921 wurde der Internationale Frauentag auf den 8. März gelegt, um den Mut der russischen Frauen zu Beginn der russischen Revolution zu ehren. Seit 1975 unterstützen die Vereinten Nationen den 8. März als Tag für die Förderung der Frauenrechte.
Würdigung in grösserem Rahmen
Nach den Sommerferien wird das Wirken von Marie Goegg-Pouchoulin in einem grösseren Rahmen gewürdigt werden.

