Herrn Pichards Ausführungen in der Wochenzeitung Biel-Bienne
In seiner Gastkolumne vom 4. August 2026 bezichtigte Herr Pichard die Bieler Linke des «unverhohlenen Antisemitismus». In seinem Text wurde auch Christoph Lörtscher erwähnt, also der hier Schreibende, doch meine Äusserungen zum Palästinakonflikt zitierte Herr Pichard nur lückenhaft. Um diese Lücke zu schliessen, reagierte ich mit einem Leserbrief an die Wochenzeitung Biel-Bienne. Obwohl ich zweimal per E-Mail nachfragte, ob meine Antwort an Herrn Pichard publiziert werde, erfolgte weder eine Publikation noch eine Antwort. Aus diesem Grund publiziere ich meinen Leserbrief an «Biel Bienne» an dieser Stelle im Wortlaut:
Selektive Wahrnehmung, falsche Interpretationen
Nach der Lektüre der Gastkolumne von Herrn Pichard in der Wochenzeitung Biel-Bienne vom 4. 8. 2026 war ich erschüttert. Selten hatte ich einen Text gelesen, der so offensichtlich auf selektiver Wahrnehmung und aus meiner Sicht falschen Interpretationen beruht. Da auch ich im Text erwähnt wurde, erlaube ich mir, dazu wie folgt Stellung zu nehmen. Zuerst zu Herrn Pichards falschen Interpretationen: Die von ihm im Text fett hervorgehobene Aussage, die Bieler Linke zeige sich «unheimlich betroffen», verhalte sich aber «heimlich unbetroffen», halte ich für eine gravierende Anmassung. Ich kenne keine Person in der Bieler Linken, die Gewalt gegen jüdische Menschen in der Schweiz gutheisst. Hat Herr Pichard kein Gefühl mehr dafür, wie sehr er mit solchen Behauptungen andere Menschen verletzt?
Ausserdem halte ich Herrn Pichards selektive Wahrnehmung für bedenklich. Hatte ich doch im von ihm zitierten Kommentar auf den eigentlichen Elefanten aufmerksam gemacht, den er in seinem Text konsequent ignoriert hat: Es gilt, zwischen Antisemitismus und Antizionismus zu unterscheiden. Schon vor der Stolpersteinlegung vom 8. Mai 2025 hatte ich eine Exkursion angeboten, die den Antisemitismus und den Antifaschismus im Biel der Jahre 1933 bis 1945 thematisierte. Dabei konnte ich nicht nur auf die SP-Mitglieder Guido Müller und Alice Boder-Lauper hinweisen, die sich damals sehr für die jüdischen Flüchtlinge in der Schweiz einsetzten. Ich erwähnte auch einen jüdischen Flüchtling in Biel, der als überzeugter Antizionist die möglichen Schattenseiten des zionistischen Projekts in Palästina beschrieben hatte.
Heutzutage wendet sich der jüdische Antizionismus mutig gegen die Menschenrechtsverletzungen und die Kriegsverbrechen, die die israelische Regierung in ihren inzwischen recht zahlreichen Militäroperationen zu verantworten hat. Unter den Historikern und Holocaustforschern gibt es auch Persönlichkeiten aus Israel, die das Vorgehen der israelischen Streitkräfte gegen die Palästinenser als Genozid bezeichnen, unter ihnen der Historiker Avi Shlaim und der Genozidforscher Omer Bartov. Und auch israelische Medien haben zu Recht kritisiert, dass der Likud, die Partei Netanjahus, mit der rechtsextremen «Sammlungsbewegung Patrioten für Europa» zusammenarbeitet – einer Strömung, die bekennende Antisemiten und Holocaustleugner in ihren Reihen zählt.
Ich verstehe nicht, warum Herr Pichard anscheinend nicht in der Lage ist, die oben erwähnten Fakten wahrzunehmen, und an seinem polarisierenden, simplen und angesichts der Fakten falschen Weltbild festhält. Den Aktivitäten der Gesellschaft Schweiz-Israel, deren Vorstandsmitglied Herr Pichard ist, stehe ich sehr kritisch gegenüber. Denn während die offizielle Schweiz grundsätzlich bereit ist, auch einen Staat Palästina anzuerkennen, ist die erwähnte Gesellschaft durch ihre fast rückhaltlose Unterstützung der rechtsextremen Regierung Netanjahu aufgefallen.
Christoph Lörtscher, Biel

