Die verändernde Kraft einer breiten und sehr aktiven Kampagne
Ende Mai hatten wir auf dieser Website betont, dass wir alles geben müssten, um die Chaos-Initiative der SVP zu bodigen. Dass es der Sünneli-Partei gelingen könnte, die Personenfreizügigkeit in Frage zu stellen und das Asylrecht weiter auszuhöhlen, schien damals gemäss aktuellen Meinungsumfragen nicht ausgeschlossen. Doch gerade in jenen Tagen zeigte sich, wie vielfältig und wie aktiv das Nein-Lager geworden war. Die Wochenzeitung (WOZ) zum Beispiel rief dazu auf, am Wochenende vom 5. bis zum 7. Juni mit geselligen Anlässen möglichst viele Menschen zu motivieren, die Initiative bachab zu schicken. Der WOZ wurden über vierzig solche Anlässe gemeldet! In diesem Kontext hatte auch die Unia-Ortsgruppe Biel ihren Bildungsanlass vom 5. Juni im Unia-Strandhaus in Mörigen geplant. Er sollte gegen die Chaos-Initiative mobilisieren, aber auch die Schweizer Migrationspolitik der letzten fünfzig Jahre beleuchten. Da Mitglieder unserer Sektion an diesem Anlass mitwirkten, publizieren wir an dieser Stelle einen Bericht dazu.
Ein kämpferischer und musikalischer Auftakt
Der Chor «Linksdrall» hatte sich bereit erklärt, den Anlass mit vier Liedern zu eröffnen. Den Auftakt machte «Bella Ciao», das den bewaffneten Kampf der Partisanen gegen den italienischen Faschismus würdigt. Es folgte «Addio Lugano», ein Protestlied italienischer Anarchisten, die um 1894 zu Unrecht aus der Schweiz weggewiesen wurden. Das Lied «Brot und Rosen» erinnerte an den Streik von 20’000 New Yorker Gewerkschafterinnen im Jahr 1912. Diese wollten nicht «Brot oder Rosen» haben, sondern beides. Dabei steht das Brot für das Lebensnotwendige, die Rose für Würde und Wertschätzung. Den Abschluss machte das Lied «La Santa Caterina dei pastai» das ironisch die vermeintliche Grosszügigkeit eines Unternehmers aufs Korn nimmt.
Die Schwarzenbach-Initiative und ihr langer Schatten
Im folgenden Referat erläuterte Christoph Lörtscher, welche Veränderungen in der Schweiz der 1950er- und 1960er-Jahre zur Spaltung der Arbeiterklasse in der Schweiz beitrugen, die einer fatalen Volksinitiative fast den Weg geebnet hätte:
Der Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg hatte vielen Schweizer Arbeitskräften den sozialen Aufstieg erleichtert, während unbeliebte und schlecht bezahlte Arbeiten immer häufiger von Arbeitskräften aus dem Ausland erledigt wurden. Für letztere galten die unmenschlichen Regeln des Saisonnier-Statuts – die «Saisonniers» lebten in der Regel in Baracken, der Familiennachzug war ihnen verboten. Die Folge: Zwischen 1949 und 1975 mussten rund 50’000 Kinder ein klandestines Leben führen.
Überdies litten die ausländischen Arbeitskräfte und ihre Kinder unter einer weitverbreiteten Ausgrenzung und unter den rassistischen Vorurteilen vieler Einheimischer. Das Ressentiment gegen die «Fremden» bildete den Boden für den Aufschwung der «Nationalen Aktion», einer neuen Rechtspartei. Sie wurde von James Schwarzenbach geführt, einem früheren Aktivisten der hitlerfreundlichen «Nationalen Front». Schwarzenbachs Partei führte in ihrer Propaganda alle sozialen Probleme auf die Zuwanderung zurück: Für die Teuerung, die Wohnungsknappheit und die Umweltprobleme seien die «Ausländer» verantwortlich, zudem verursache ihre Präsenz eine «Überfremdung» – nichts weniger als die Nationale Identität werde dadurch gefährdet.
Fatalerweise hatte die damalige Gewerkschaftsführung nicht verstanden, dass die Integration der ausländischen Arbeiter:innen ein Gebot der Stunde war. Und schlimmer noch: Auch sie übernahm den Überfremdungsdiskurs der Fremdenfeinde.
So war es nicht verwunderlich, dass die von Schwarzenbach im Jahr 1968 lancierte Volksinitiative «Gegen die Überfremdung» auch bei der Arbeiterschaft eine beachtliche Resonanz fand, trotz ihrer Radikalität: Gefordert wurde eine Plafonierung des Ausländeranteils auf 10 Prozent der Bevölkerung in fast allen Kantonen der Schweiz, nur für den Kanton Genf war eine Obergrenze von 25 Prozent vorgesehen. Eine Annahme der als «Schwarzenbach-Initiative» berüchtigt gewordenen Vorlage hätte zur Ausweisung von 300’000 bis 400’000 Menschen geführt. Die heutzutage von rechtsextremen Kräften geforderte «Remigration» wäre Realität geworden!
Nach einem hochemotionalen Abstimmungskampf wurde die Schwarzenbach-Initiative am 7. Juni 1970 bei einer Stimmbeteiligung von 74,7 Prozent mit einem Nein-Anteil von 54 Prozent bachab geschickt – damals konnten nur die Schweizer Männer abstimmen. Schwarzenbach verbuchte das Resultat als Erfolg, hatte doch lediglich die «Nationale Aktion» seine Initiative unterstützt. Durch den beachtlichen Anteil an Ja-Stimmen ermutigt, lancierten die fremdenfeindlichen Kräfte in der Schweiz nach 1970 immer neue Initiativen, die die Verantwortung für gesellschaftliche Probleme der ausländischen Bevölkerung anlasteten und die Zuwanderung bekämpften. Mit wenigen Ausnahmen fanden sie keine Mehrheit. Dass die «Masseneinwanderungsinitiative» der SVP im Jahr 2014 mit 50,3 Prozent Ja-Stimmen angenommen wurde, war nicht zuletzt auf eine mangelhafte Mobilisierung der Initiativgegner zurückzuführen. Gerade deshalb, betonte Lörtscher, müsse die Nein-Kampagne zur Chaos-Initiative noch intensiviert werden.
Die Würdigung von Akteuren gegen die Fremdenfeindlichkeit in unserer Region
Der Referent erinnerte an eine Reihe von Persönlichkeiten, die sich gegen fremdenfeindliche Vorurteile und für die Integration ausländischer Arbeiter:innen eingesetzt hatten: Max Frisch, Alexander J. Seiler, Alvaro Bizzarri und Gottlieb Trächsel.
Max Frisch hatte als einer der ersten die politische Bedeutung der Zuwanderung aus kritischer Warte auf den Punkt gebracht: «Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.»
Alexander J. Seiler hatte in seinem Dokumentarfilm «Siamo Italiani» aus dem Jahr 1964 kritisiert, wie das Saisonnierstatut ausländische Arbeiter:innen zur Ware machte und das Kinopublikum mit ihrem Menschsein konfrontiert.
Alvaro Bizzarri zeigte die von Seiler aufgezeigte Problematik mit seinen Filmen an Beispielen aus der Region Biel-Seeland. Im Film «Lo stagionale» machte er insbesondere auf das Problem der klandestin in der Schweiz lebenden Kinder aufmerksam.
Gottlieb Trächsel schliesslich – einer der Erbauer des Strandhauses in Mörigen – hatte sich als Sekretär des Schweizerischen Bau- und Holzarbeiterverbands (SBHV) schon in den 1950er-Jahren konsequent für die Integration der ausländischen Arbeiter:innen eingesetzt. Er vertrat eine Politik, die die Gewerkschaften als Ganzes erst nach dem Schock über den Achtungserfolg der Schwarzenbach-Initiative nach und nach übernahmen.
Zeitzeugen erinnerten sich
Nach dem Referat moderierte Jesus Fernandez ein Gespräch mit Girolamo Manzi und José Fernandez Otero. Beide hatten die schwierigen Bedingungen zur Zeit des Saisonnierstatuts selbst erlebt. José Fernandez-Otero kam 1968 als Sohn eines Saisonniers in die Schweiz, der seit 1963 ununterbrochen hier gearbeitet hatte. Als 16-Jähriger verfügte er über einen Arbeitsvertrag für Fabrikarbeit – eine weiterführende schulische Bildung war ihm nicht möglich. Fernandez-Otero erinnerte sich gut an die fremdenfeindliche Haltung, die vor allem gegenüber den Italiener:innen herrschte, entschied sich aber trotzdem, seine Zukunft in Biel zu gestalten. Mit den Jahren, betonte er, sei den meisten Menschen aus der spanischen Gemeinschaft eine Integration gelungen.
Girolamo Manzi erinnerte sich an den 12. Mai 1969, als er an der Grenze in Chiasso die «grenzsanitarische Untersuchung» über sich ergehen lassen musste: «Wir mussten uns ganz ausziehen, und man untersuchte uns überall. Trotzdem war ich froh, eine Arbeit gefunden zu haben.» Für Manzi war die Unterstützung wichtig, die ihm die Bieler Sektion der Colonia Libera Italiana (CLI) gewährte. Er arbeitete in einer Giesserei, musste aber 18 Monate später aus gesundheitlichen Gründen eine andere Arbeit finden. Nach mehreren Anstellungen kam Manzi zur Pianofabrik Burger&Jacobi, wo er im Jahr 1974 eine aussergewöhnliche Erfahrung machte: Im Kampf für die Auszahlung des 13. Monatslohns hielten die einheimischen und die ausländischen Arbeiter zusammen, und in einem landesweit beachteten Streik setzten sie sich durch! Doch der engagierte Gewerkschafter wurde kurz nach dem Ende des Streiks entlassen – und musste sofort eine neue Stelle finden. Nach einer kurzen Anstellung als Casserolier kam er zur RMB (später Myonic, dann MPS), wo er viele Jahre geblieben ist und in sich in der Personalkommission für die Anliegen der Kolleg:innen einsetzen konnte.
Gemütliches Beisammensein beim Abendessen
Nach den historischen Rückblicken blieb der grösste Teil der fünfundzwanzig Teilnehmer:innen beim Strandhaus, um ein leichtes Abendessen mit Grilliertem einzunehmen, das Herr Kulas meisterhaft zubereitet hatte. Interessante Gespräche und ein Besuch beim Büchertisch mit Werken zur Migrationspolitik rundeten den gelungenen Anlass ab.

