Klassenbewusstsein war ihm kein Fremdwort. In Memoriam Peter Bichsel (24.3.1935 – 15.3. 2025)

Peter Bichsel, gemeinsam mit dem Bieler Schriftsteller Jörg Steiner während Jahren regelmässiger Gast im Restaurant Rotonde in Biel, ist kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben. Das langjährige Mitglied der Gewerkschaft Unia, das Weltliteratur geschrieben hat, hinterlässt ein vielfältiges Werk. Zur Erinnerung an sein politisches und gewerkschaftliches Engagement publizieren wir einen Auszug aus Peter Bichsels Rede am Kongress der Gewerkschaft Bau und Holz (GBH) in Davos (23. – 26. September 1987).

«(…) Diese Versammlung hier ist keine Versammlung von Reichen – ich weiss es – aber sie findet in einem reichen Land statt, im reichsten Land der Welt, und der Traum vom plötzlichen Reichtum sitzt in unseren Köpfen. Reich sind wir nicht, aber der Virus Reichtum macht uns schon alle krank, und die bürgerliche Vorstellung, dass Freiheit nichts anderes ist als das Recht aller, reich zu werden, das wird auch mehr und mehr unsere Vorstellung. Wer Freiheit mit Reichtum verwechselt, der hat sie bereits verkauft.

Der Virus Reichtum – wie sieht der aus? Vorerst mal wie alle anderen Viren auch, man sieht ihn nicht und versucht ihn zu verleugnen. Es ist eigenartig, wieviel Ärger man verursacht, wenn man irgendwo in unserem Land erzählt, dass dieses Land das reichste Land der Welt sei. Da sind uns plötzlich Rekorde nicht mehr genehm. Da wird plötzlich wieder von der eigenen Armut gesprochen und dass es genügend Elend gebe im eigenen Land, und dass man hier zuerst schauen soll und hier zuerst helfen.
Aber sobald man sie benennt, diese Armen, die Drogensüchtigen zum Beispiel, dann wollen dieselben Leute nichts davon wissen, und sie sprechen von Ausrotten und an die Wand stellen. Und wenn man sie benennt, die Armen, die Arbeitslosen zum Beispiel, dann wollen dieselben Leute nichts davon wissen und behaupten, dass alle nur faul seien, und wenn man sie benennt, diese Armen im eigenen Lande, die Flüchtlinge, die als Gäste hier leben, dann will man nichts wissen davon, und spricht wieder davon, dass wir genug Armut hätten.

Wo ist sie denn, diese Armut im eigenen Land? Wenn niemand sie benennen will? Ich kenne die Antwort; die Bergbauern vielleicht, und es gibt arme Bergbauern und sie werden sehr schnell zum Alibi für den Reichtum unseres Landes. Wir stellen uns alle arm dar, als ob wir Bergbauern wären, wir sind stolz darauf, dass wir alle aus der Armut kommen. Zum mindesten der Grossvater war noch arm.
Oder liegt es vielleicht daran, dass wir ein sehr kleines Land sind und unsere Kleinheit als Armut empfinden? Der Reiche sei geizig, sagt man. Ist es vielleicht auch deshalb, weil er sich als armen Schlucker darstellen will?
Wir sind nicht die Armen dieser Welt, und auch unsere Arbeiter sind nicht die Armen dieser Welt. Im Gegenteil, wir haben alle schon das Gehabe von Reichen angenommen. Wir sind zwar nicht alle reich, aber wir denken bereits alle wie die Reichen.» (…)

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