Der Kahlschlag bei der Post ist unsozial und vermeidbar

Wie die Post am 29. Mai mitgeteilt hat, will sie bis ins Jahr 2028 weitere rund 170 eigenbetriebene Filialen schliessen. Dadurch würde die Anzahl eigenbetriebener Filialen auf schweizweit 600 sinken. Noch im Mai 2020 hatte die Post versprochen, 800 Filialen zu erhalten.

Sollte der «Gelbe Riese» tatsächlich  wie angekündigt 170 Filialen bis 2028 schliessen, entspräche das einem Abbau des Service public sondergleichen. Die von der Post verfolgte Strategie, die eine Öffnung ihrer Filialen für Partner vorsieht (Netzöffnung), würde dieser Abbau bestimmt nicht begünstigen.

Gegensteuer geben

Nach Angaben der Post fallen durch die geplanten Filialschliessungen 680 Jobs weg. Die Gewerkschaft syndicom kritisiert die verkündeten Absichten der Post und wird alles in ihrer Macht stehende tun, um möglichst viele Poststellen zu erhalten. Manuel Wyss, Mitglied der Geschäftsleitung von syndicom, ordnet ein: «syndicom steht ein für einen ausgebauten Service public und wehrt sich gegen Abbaupläne in der Grundversorgung. Es gilt, möglichst viele Filialen und Arbeitsplätze zu erhalten.» Somit ruft syndicom die Politik und dabei insbesondere die betroffenen Kantons- respektive Gemeindebehörden sowie deren Bevölkerung dazu auf, sich ihrerseits für den Erhalt ihrer Poststellen einzusetzen.

Es darf zu keiner einzigen Kündigung kommen

Die Gewerkschaft syndicom wehrt sich gegen mögliche Kündigungen. Manuel Wyss hält fest: «Sollte es tatsächlich zu einer Reduktion der Anzahl Poststellen kommen, fordert syndicom von der Post, dass es zu keiner einzigen Kündigungen kommt. Nicht zuletzt aufgrund des Durchschnittsalters des bestehenden Personals kann PostNetz dies unter Ausnützung der natürlichen Fluktuation ohne jeden Zweifel sicherstellen.»
Schon heute sind die Angestellten in den Postfilialen hohem Druck ausgesetzt. Mit dem Wegfall weiterer Arbeitsplätze würde der Druck auf das Personal noch grösser.

Ein feinmaschiges Poststellen-Netz hat Zukunft

«Wie lange wir die 600 verbleibenden Poststellen aufrechterhalten können und wie viele das in Zukunft sein werden, können wir jetzt nicht sagen», erklärte Postchef Roberto Cirillo im Gespräch mit dem «Bieler Tagblatt».  Und fügte hinzu, dazu müsste man in die Zukunft sehen können. Aber ist nicht die Aufgabe der Leitung eines Grossbetriebes, die Zukunft mitzugestalten und die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen?

In den Städten orientieren sich die Planer am Konzept der «Fünfzehn-Minuten-Stadt»: Um die Umwelt und das Zeitbudget der Bevölkerung zu schonen, sollen die wesentlichen Alltagsaufgaben wie Einkäufe, Arztbesuche oder der Schulbesuch innerhalb eines Zeitradius von 15 Minuten erledigt werden können. Würde die Post sich mehr Mühe geben, das Poststellennetz zu verteidigen, ergäben sich für die Poststellen der Zukunft sinnvolle Aufgaben.

Im November empfahlen Expert:innen der Post, in den eigenbetriebenen Filialen digitale Dienstleistungen anzubieten. Diesbezüglich ist sicher einiges machbar. Doch laut Adrian Riklin und Daniel Stern (WOZ vom 6. Juni 2024) ergäben sich weitere sinnvolle Aufgaben, insbesondere solche, bei denen die Pflege des persönlichen Kontakts möglich wäre. Zum Beispiel empfiehlt die ehemalige SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, die Poststellen könnten der Bevölkerung eine Hilfestellung bei Fragen zur Digitalisierung bieten. Oder sie könnten, wie es Beat Ringger und Cédric Wermuth vorschlagen, ökosoziale Produkte verkaufen.

Und nicht zuletzt könnte Postchef Cirillo Ideen des altehrwürdigen Weltpostvereins beherzigen. Anlässlich seiner Konferenz im Oktober 2023 hielt dieser fest: «Der Postsektor ist gut positioniert, um globale Klimaschutzmassnahmen zu unterstützen. Da extreme Wetterereignisse häufiger auftreten, dürften die Forderungen nach emissionsarmen Postdiensten zunehmen. Im Weiteren können die von Postbetreibern verwalteten Vertriebs- und Informationsnetze angepasst werden, um neue Klimadienste anzubieten.»

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